Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn JURASSIC WORLD kein finanzieller Erfolg wird. Selbst 22 Jahre nachdem Steven Spielberg mit dem ersten Teil der JURASSIC PARK Trilogie neue Maßstäbe mit einem Mix aus Practical Effects und CGI setzte, gieren die Kinozuschauer noch nach Dino-Action. Selbst der miese dritte Teil scheint vergessen. Selbst die billigen Special Effects aus dem allerersten Trailer am Anfang des Jahres scheinen verziehen. Selbst gezähmte Velociraptoren werden abgenickt. Bei angestiegenen 3D- und IMAX-Preisen sollte die anvisierte monetäre Ziellinie für Universal schon in Sicht sein. Für alle anderen stellt sich die Frage, ob der vierte Teil den Spirit des Originals wiederfindet und die lieblos zusammengewürfelten Setpieces der beiden Vorgänger vermeiden kann. Nun denn, der Park ist eröffnet!

Visionär und Unglücksbringer John Hammond würde vor Glück einen Luftsprung machen, könnte er sehen was sich rund zwei Dekaden nach den Ereignissen von JURASSIC PARK auf Isla Nubla getan hat. Auf der Insel floriert ein vollfunktionsfähiger Dino-Park samt Rundfahrten, Fütterungs-Shows und Merch-Ständen. Ihm zu Ehren wurde sogar ein goldenes Denkmal in die Lobby gebaut. Die Massen strömen auf Fähren in den weltbekannten Park, darunter auch die beiden Brüder Zach und Gray. Eigentlich soll sich ihre Tante Claire (Bryce Dallas Howard) um die Teens kümmern, jedoch ist sie die schwerbeschäftigte Sicherheitschefin und ihr Handy klingelt und piepst zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ihre Assistentin wird kurzerhand zum Kindermädchen degradiert und ist damit so glücklich, dass sie Zach und Gray schon nach wenigen Stunden aus den Augen verliert. Als wäre das nicht schon Problem genug, gibt es schließlich auch noch Ärger mit der neuen Attraktion – einem genetisch veränderten Dino-Hybrid – welcher das Leben hinter 20 Meter hohen Steinmauern offensichtlich satt hat und sich nach der Flucht aus dem Gehege unaufhaltsam in Richtung der Park-Besucher bewegt. Zusammen mit dem Velociraptoren-Trainer Owen (Chris Pratt) versucht Claire sowohl das Monster als auch die Kids wieder einzufangen.

Ein Dinosaurier bricht aus. Zwei Kinder gehen verloren. Menschen laufen wild schreiend durcheinander. Die Faktoren in JURASSIC WORLD orientieren sich sehr eng am Original von 1993, lediglich die Variablen werden ein wenig verschoben. Natürlich ist das alles nichts Neues, aber JURASSIC WORLD weiß mit seinem aufgewärmten Plot umzugehen und kokettiert in mehreren Szenen mit einem äußerst eindeutigen Unterton. Ein Beispiel: Die im Labor entstandene Killermaschine trägt den hübschen Namen Indominus Rex und nachdem sie eine Schneise der Verwüstung hinter sich her zieht wird der Milliardär und Parkbesitzer Masrani (Irrfan Kahn) dann doch etwas nervös und fragt seinen Forschungschef Dr. Henry Wu (der alterslose BD Wong) was genau sie da eigentlich im Labor zusammengemixt haben. Seine schnöde Antwort: „Sie wollten etwas spektakuläres. Größer und mit mehr Zähnen. Ich glaube cool war das Wort, das sie verwendeten.“ So viel ironische Selbstreflexion hätte man einem 150 Millionen schweren Sommerblockbuster gar nicht zugetraut.

Trotzdem – das Budget ist größer, der neue Saurier hat mehr Zähne und Chris Pratt versucht zumindest cooler zu sein als Jeff Goldblum (Blasphemie! Das geht ja gar nicht). Attestieren muss man ihm aber dennoch, dass er seinen Charakter in jeder Szene möglichst perfekt präsentieren möchte und ja, tatsächlich sieht er motorradfahrend und umringt von einem abgerichteten Rudel Raptoren äußerst lässig aus. Ein wenig zu lässig beziehungsweise leider schon ein wenig blass wirkt dagegen sein weiblicher Konterpart Bryce Dallas Howard, die eigentlich nur in einer amüsanten Szene abliefert (Stichwort: sarkastisches Porträt von taffen Amazonen in Actionfilmen), schlussendlich aber doch bloß hinter Chris Pratt herdackelt und tut wie ihr aufgetragen wird. Erwähnenswert ist dann höchstens noch Vincent D’Onofrio als grimmiger Antagonist, ein Überbleibsel aus alten InGen-Zeiten, welcher die Velociraptoren als Soldaten in Krisengebiete schicken will. Der schnöde Mammon muss hier als Motivation reichen.

Im Film wäre John Hammond stolz wie Bolle, angesichts dessen was aus seiner Vision entstanden ist. Jedenfalls die erste halbe Stunde. Doch wäre auch Executive Producer Steven Spielberg stolz darauf, was Regisseur Colin Trevorrow (SAFETY NOT GUARANTEED) aus seinem wegweisenden Meisterwerk gemacht hat? Er kann es jedenfalls. Denn JURASSIC WORLD ist ein äußerst homogener Popcornspaß geworden, der Action-, Comedy- und Survival-Horror-Elemente zu einem vergnüglichen Zweistünder kombiniert. Sogar die Angst vor zu viel billigem CGI ist am Ende unbegründet. Natürlich gibt es keine liebevollen Practical Effects mehr, trotzdem sehen die im Computer entstandenen Dinos echt aus und werden zudem nur äußerst selten in ihrer vollen Pracht durch die Kamera eingefangen, sodass auch die Fantasie der Zuschauer nicht zu kurz kommt. Lediglich am Ende dreht der Streifen die Special-Effects-Action auf 9000. Aber nur für drei Minuten. Das darf er.

Selbstverständlich hat es kein Actionfilm dieses Jahr mehr leicht, denn MAD MAX hat die Latte in diesem Fach so hochgelegt, dass nicht mal ein Velociraptor drüberspringen könnte. Dennoch wirkt JURASSIC WORLD angenehm frisch und interessant (kann auch am fehlenden Einsatz von teal and orange liegen) und bringt wenigstens für 120 Minuten die Faszination und Begeisterung zurück, mit der man 1993 in den Kinositz gedrückt wurde.

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