Neun Jahre sind vergangen, seit Robert Rodriguez mit seiner Adaption von SIN CITY die Zuschauer reihenweise in die Kinosessel drückte und mit einem What-the-Fuck-Moment aus dem Saal stolpern ließ. Style over Substance hin oder her, die filmische Umsetzung des gleichnamigen Comics aus der Feder von Frank Miller war schlichtweg atemberaubend und visuell eindrücklich. Selbst an der Kasse verkaufte sich der Streifen unerwartet gut und so war es keine große Überraschung, dass kurz nach der Veröffentlichung eine Fortsetzung angekündigt wurde. Warum es letztendlich fast eine Dekade gedauert hat, wissen nur die Verantwortlichen selbst. Ob es am Studio lag oder an Rodriguez selbst, der in der Zwischenzeit lieber Danny Trejo mit einer Machete ausstattete und mehrere schlechtere Kinderfilme drehte, bleibt offen. Wahrscheinlich hätte das Hollywood-Publikum sogar schon vergessen, dass es einen zweiten Teil geben sollte, wenn die Fanboys auf der Comic-Con nicht jedes Jahr aufs Neue danach bettelten.

Innerhalb der letzten neun Jahre ist viel passiert: 300, eine weitere exzellente Frank-Miller-Verfilmung begeisterte die Kinobesucher, Christopher Nolan prägte die Popkultur insbesondere mit THE DARK KNIGHT und auch die Fortsetzung von 300 lockte noch genügend Menschen in die Multiplexe. Neben vielen düsteren Comic-Filmen läutete allerdings auch ein nicht unbedeutendes Studio namens Marvel eine neue Ära der Superhelden ein, die deutlich farbenfroher ist und ihren vorzeitig kunterbunten Zenit mit GUARDIANS OF THE GALAXY erreicht hat. Im Kontext dieser Entwicklung präsentiert sich SIN CITY 2: A DAME TO KILL FOR, ein lupenreiner Neo-Noir in schwarzweiß, düster und brutal, dem düster-noir-übersättigten Publikum.

Im Grunde fühlt er sich an und sieht genauso aus wie der erste Teil. In der ersten Episode, „Just Another Saturday Night“, verfolgt der liebgewonnenene Anti-Held Marv (Mickey Rourke) eine Bande aufmüpfiger Teenager bis zum unvermeidlichen Blutbad. Style over Substance, doch etwas ist anders. Zum einen ist es Rourke sichtlich anzumerken, dass er ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat, wie er sich so von Greenscreen-Set zu Greenscreen-Set schleppt. Zum anderen wirkt diese erste Sequenz aber auch uninspiriert, geradezu leblos, was zum Großteil sicherlich aus dem abgestandenen Look resultiert. Doch auch griffige One-Liner („That there is one damn fine coat you’re wearin’“) werden schmerzlich vermisst. Die nächste Episode trägt den Titel „The Long Bad Night“ und dreht sich um Johnny (Joseph Gordon-Levitt), der sich ganz dem Dienst des Glücksspiels verschrieben hat und den mächtigsten Mann der Stadt, Senator Roarke (Powers Booth), beim Poker herausfordert. Gordon-Levitt bringt frischen Wind mit sich und macht Spaß, weil er die Rolle des eingebildeten Klugschwätzers unnachahmlich smart und sexy spielt. Leider ist sein Auftritt nur von kurzer Dauer und endet in einer dämlichen Auflösung seiner Geschichte, die selbst ein Gastauftritt von Christopher Lloyd (ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT) nicht mehr gut zu machen weiß. Schade, dass er dafür wohl einen potentiellen Part in GUARDIANS OF THE GALAXY ausgeschlagen hat. In einer weiteren kleinen Episode, „Nancy’s Last Dance“, schlafwandelt sich Jessica Alba gelangweilt durch vermeintliche Mordfantasien, um den Tod ihres Retters Hartigan (Bruce Willis) zu rächen. „A Dame To Kill For“, die längste und titelgebende Episode, ist dann tatsächlich die spannendste und am besten besetzte. Allen voran Eva Green, die nicht nur wegen ihres Körpereinsatzes (in fast allen Szenen splitterfasernackt) vollkommende Hingabe zeigt, stellt einmal mehr ihr schauspielerisches Talent unter Beweis. Als Ava Lord, die Blaupause einer Femme fatale, verdreht sie allen Männern den Kopf und führt sie nach Lust und Laune an der Nase herum, ganz besonders allerdings ihren ehemaligen Liebhaber Dwight McCarthy (neubesetzt durch Josh Brolin).

Trotz viel Augenzwinkerei bleibt der Humor zu großen Teilen auf der Strecke, ebenso wie die Motivation der Protagonisten. Was bleibt, ist die visuelle Finesse, die sich durch unnötiges 3D aufzupolieren versucht. So unterschiedlich sind SIN CITY und A DAME TO KILL FOR nicht, lediglich der kinematographische Kontext hat sich über die Jahre verändert. Es bleibt der fade Verdacht, dass diese Fortsetzung schlichtweg fünf Jahre zu spät in die Kinos kommt und zu jener Zeit besser funktioniert hätte. Zu wenig, zu spät. Eine lieblose Kopie.

Dieser Artikel ist auch erschienen in: deadline, das Filmmagazin, Ausgabe 47

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