Die Kunst zu überzeugen – Moneyball

Manchmal muss man für wirklich gute Filme Opfer bringen. Zuletzt beispielsweise für den ersten Platz meiner Top Five in Movies 2011 – “Drive”. Dieser lief nämlich knapp fünf Monate nach Release in den USA und circa vier Monate vor offiziellem Deutschlandstart für wenige Glückliche in der Sneak Preview. Ein ähnliches Schicksal ereilt “Moneyball”. Bereits im September konnten US-Amerikaner ein Kinoticket lösen, deutsche Filmfans müssen sich dagegen noch bis Februar gedulden. Es sei denn, sie bringen ein Opfer. Und sehen ihn sich in der Sneak an. Zwischen nervtötenden Teenies, angetrunkenen Arschlöchern und dem Mainstream-Pöbel. Hut ab, für Filme, die trotzdem überzeugen können.

Es ist das klassische Sportlerdrama. Die Underdog-Geschichte. Billy Bean ist Manager des Oakland A’s Baseball Teams und muss nach einer schmerzlichen Saisonniederlage ein neues Team zusammenstellen. Dafür wird im das niedrigste Budget der gesamten Liga zur Verfügung gestellt. Keine leichte Aufgabe für Billy also, bei dem die Schmach des vergangenen Spiels tiefe emotionale Wunden hinterlassen hat. Gelangweilt und frustriert sitzt er mit seinen Scouts zusammen, teilnahmslos bei Brainstormings über potentielle neue Spieler und trifft sich dann und wann mit anderen Clubs zu Verhandlungen. Bei einem dieser Meetings macht er die Bekanntschaft mit dem jungen Peter Brand. Jale-Absolvent, Wirtschaftswissenschaftler, Baseball-Fan, Analyst. Bei einem Gespräch zwischen Tür und Angel beeindruckt Peter Billy so sehr mit Daten, Zahlen und Fakten, dass er ihn kurzerhand den Cleveland Indians abkauft und zu seinem persönlichen Assistenten macht. Billy glaubt an Peters neuartige Analyse-Methoden, ändert seine Strategie vollkommen, eckt damit bei jedem im Oakland-Team an, stellt trotzdem eine Mannschaft auf und hofft auf den großen Sieg.

Es funktioniert jedes Mal. Die Underdog-Geschichte. Das klassische Sportlerdrama. Ein kleines Team, beschnittene Mittel, und trotzdem – der große Wurf. In diesem Falle jedoch eher der große Schlag. Ein Homerun. Alles oder nichts. Manager Billy Bean wird im Film nicht müde zu betonen: “How could you not be romantic about Baseball?” Ich persönlich sehe diese Romantik nicht. Ich habe mir noch nie freiwillig Baseball angesehen und ich habe es auch nicht vor. Dieser Sport interessiert mich nicht. Und ich kenne mich weder mit den Regeln, den Spielern oder den Teams aus. Dieser Antipathie zum Trotz hat es “Moneyball” geschafft, dass ich mich über zwei Stunden lang für das Ende einer wahren Baseball-Begebenheit interessiert habe. Mehr noch, ich habe mit dem Hauptprotagonist gelitten, gezittert und gelacht. “Moneyball” hat mich entertaint. Was will ein Film mehr erreichen?

Entertainment und Baseball passen für mich eigentlich nicht zusammen. Und doch gelingt es Regisseur Bennett Miller (übrigens eher ein Underdog in Hollywood) fabulös, obwohl der Film in weiten Teilen aus langen Dialogen besteht. Es wird viel geredet in “Moneyball”. Der Manager mit den Scouts. Die Scouts mit den Spielern. Die Spieler mit dem Manager. Der Manager mit anderen Managern. Bestimmt die Hälfte der Zeit sitzt Brad Pitt an einem Konferenztisch oder vor einem Telefon oder in einem Meeting und diskutiert. Aber die Diskussion sind voller Herz und Humor, gut geschrieben und hervorragend inszeniert, sodass man als Zuschauer stets am Ball bleiben will. Viel Screentime wird übrigens auch dem Prozess der Spieleranalyse gewidmet. Zahlen, Gleichungen, Rechnungen. Und das erinnert nicht ohne Grund sehr stark an den exzellenten “The Social Network”. Denn am Drehbuch hat Aaron Sorkin mitgeschrieben, der auch schon das Screenplay für den letzten brillianten Fincher Streifen aufpolierte. Ähnlich wie im Facebook-Film, der viel Augenmerk auf die Gerichtsverhandlungen und das Programmieren der Website legt, fokussiert sich “Moneyball” auf Spielerverhandlungen und die Analyse. “The Social Network” und “Moneyball” haben starke Ähnlichkeiten, was das Drehbuch angeht und das ist positive Kritik. Aufgelockert wird das Sportler-Kauderwelsch mit einigen Lachern, vor allem aber mit herzerwärmenden Szenen zwischen Brad Pitt und seiner Film-Tochter Kerris Dorsey. Und genauso wie in “The Social Network”, wo Mark Zuckerberg in der letzten Szene seine Menschlichkeit unter Beweis stellt und auf seine eigene Art und Weise eine Freundschaftsanfrage bzw. ein Friedensangebot an sein Ex-Freundin stellt, entscheidet sich auch “Moneyball” in der entscheidenden Szene im Diskurs zwischen Zahlen und Gefühlen für letzteres.

Neben dem wirklich ausgesprochen gutem Drehbuch vergisst man dann fast, Brad Pitt zu erwähnen, der die Botschaft dieses Films eigentlich im Alleingang transportiert. Natürlich tragen ein kaum wiederzuerkennender Phillipp Seymour Hoffman als Oakland-Trainer und Jona Hill in seiner, soweit ich mich erinnern kann, ersten Drama-Rolle beträchtlich dazu bei, “Moneyball” – “based on a true story” Authentizität zu verleihen. Aber Brad Pitt stellt ein Mal mehr unter Beweis, dass er ein hervorragender Schauspieler ist. Und viel mehr, als dieses schauspielerische Trio Infernal und einem höllisch guten Drehbuch braucht es dann am Ende auch nicht, um “Moneyball” zu einem sehr unterhaltsamen Film und einem außergewöhnlich interessanten Sportlerdrama zu machen. Go see it!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.