
Wie gerne hörte man zu, wenn Papa mal wieder davon sprach: Damals, bei „Star Wars“, das hat uns aus den Kinositzen gehauen. Sowas gab es vorher einfach nicht. Und dann, bei „Alien“, diese düstere Atmosphäre. Genial. Und dann, bei „Terminator“, diese Spezialeffekte. Unglaublich. Aber wie oft ärgerte man sich auch ein bisschen darüber, dass man selbst nie ein solches Erlebnis auf der Leinwand zelebrieren durfte. Bis jetzt. Denn mit James Camerons neuem Geniestreich „Avatar“ haben nun auch aktuelle Generationen etwas, von denen sie ihren kinobegeisterten Kindern einmal erzählen werden.
Der Film verschlägt den Zuschauer in das Jahr 2154. Die Menschheit hat die Erde endgültig zugemüllt und die Rohstoffe neigen sich dem Ende zu. Auf dem fernen Mond Pandora findet man ein Erz, welches sich auf der Erde zu horrenden Preisen verkaufen lässt. Für die Wirtschaftsbosse ist Pandora deshalb in erster Linie eine Geldquelle, für ein kleines Forscherteam allerdings ein Paradies für Experimentierfreudigkeit. Die Gruppe um Ärztin Grace Augustine (Sigourney Weaver) hat das sogenannte Avatar-Programm entwickelt, welches es den Menschen erlaubt, ihren Geist in einen eigens dafür gezüchteten Körper des Naturvolks Na’vi zu transferieren, welche auf Pandora leben. Nachdem sein Bruder gestorben ist, wird der Ex-Marine Jake Sully (Sam Worthington) auf den Waldmond beordert, weil er seines Bruders DNA hat und darum seinen Platz im Avatar-Programm einnehmen soll. Durch einen Zufall gerät er an die Prinzessin der Na’vi, Neytiri (Zoe Saldana), welche ihm das Leben auf Pandora zeigt. Schließlich verlieben sich die Beiden, obwohl Jake die Na’vi eigentlich zur Umsiedlung zwingen soll, weil ihr Dorf auf einem riesigen Erz-Vorkommen steht und somit das Hauptaugenmerkt der profitgeilen Wirtschaftsbosse ist. Es kommt, wie es kommen muss – zum Krieg zwischen Menschen und den Na’vi.
Eine Milliarde in 17 Tagen. So viel hat „Avatar“ seit seinem Start bereits eingespielt. Er nimmt damit in einem rasanten Tempo die Verfolgungsjagd zum zweiten Teil von „Fluch der Karibik“ und Peter Jacksons „Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“ auf. Und natürlich Camerons Meisterstück „Titanic“, welches mit 1,8 Milliarden US Dollar Einspielergebnis an den weltweiten Kinokassen immer noch der erfolgreichste Film ist. Noch. Denn bei Ticketpreisen von bis zu 13 Euro (3D, Überlänge, Loge) sollte es für „Avatar“ ein leichtes sein, seinen Vorgänger zu übertrumpfen. Neue Filmrekorde erfordern eben neue Preisrekorde. Wobei jeder Zuschauer gut damit beraten ist, jeden der Zuschläge zu berappen. Denn erst dann kann der Film zu dem werden, was er ist: ein Meisterwerk an 3D-Animationskunst, welches neue Maßstäbe in Sachen Entertainment setzt.
Innerhalb der ersten Minuten werden 3D-erpropte Kinogänger noch denken, wohin es denn eigentlich den 3D-Effekt verschlagen hat. Denn Cameron bricht mit den Effekthaschereien der bisherigen 3D-Filme (wie „Ice Age“ oder „Final Destination 4“), die nur dafür konzipiert waren, dem Zuschauer Sachen frontal vor die Brille zu schleudern, welcher dann überrascht die Hände vors Gesicht schlägt. So wurde der Effekt Ende des letzten Jahres in deutschen Kinos eingeführt und beworben – und wurde nach spätestens vier 3D-Streifen dann auch wieder langweilig. Cameron allerdings filmte komplett mit einer speziellen 3D-Kamera, wodurch der Film hinterher nicht mehr mit dem Effekt nachbearbeitet werden musste. Dadurch ergibt sich eine völlig andere Sichtweise. Der Film wirkt nicht wie üblich konkav, sondern konvex. Der 3D-Effekt kommt einem nicht entgegen, sondern zieht einen in die Tiefe. Es braucht ein wenig, bis sich das Auge darauf eingestellt hat. Aber spätestens, wenn Jake Sully in seinem Avatar den Dschungel auf Pandora erkundet, weiß man, warum man an der Kasse so viel Geld bezahlt hat – diese neuen 3D-Bilder sind atemberaubend. Sie lassen den Zuschauer wirklich in eine andere Welt abtauchen, sie nehmen ihn an der Hand und ziehen ihn in den Film. Man fühlt sich wahrhaftig live dabei. Man ist auf Pandora!
Lange hat es ein Film nicht mehr geschafft, so zu faszinieren, dass man das Popcorn und die Coke nicht anrührt. „Avatar“ schafft es. Wie gebannt muss man auf die Leinwand starren, will alle Eindrücke auf einmal aufnehmen. Da ein Farn, den man anfassen möchte, hier eine Blume, die leuchtet. Überall schwirrt etwas durch die Luft und alles sieht so fantastisch realistisch und schön aus. Vielen ist der Plot vielleicht zu durchschaubar („Pocahontas“ lässt grüßen), aber eines muss man James Cameron lassen: Er hat diesen Planeten, diese andere Welt, er hat sie irgendwie gesehen. Und lange hat es ein Film nicht mehr geschafft, sich so atemberaubend zu präsentieren, dass man sich nach einer Actionszene im Kinosessel wiederfindet, wie man gespannt die Finger in die Sitzlehnen bohrt. „Avatar“ schafft es. Es ist das große Ganze, was im Endeffekt überzeugt. Eine durchaus einfache Story, gespickt mit rasanten Actionsequenzen und visuell einzigartigen Effekten. Der Film ist absolut rund und revolutioniert den Begriff „Popcornkino“ von Grund auf.
Quasi nebenbei revolutioniert Cameron die Technik des sogenannten Facial Motion Capture, welches schon Verwendung bei „Der Polarexpress“ oder zuletzt „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ fand, gleich mit. Die Bewegungen, Gesichtszüge und Mimik der Na’vi, welche komplett computeranimiert sind, sind von echten Menschen nicht mehr zu unterscheiden. Wenn Sigourney Weaver in ihrem Avatar durch den Dschungel tollt, dann ist das auch Sigourney Weaver. Man sieht es. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen real und animiert. Auch die Militärbasis auf Pandora, sie könnte so da stehen. Alles, was auf der Leinwand passiert, es ist nicht künstlich, nicht animiert, nicht erschaffen – es ist einfach da. Und der Zuschauer ist mittendrin.
Viel wurde im Vorfeld geredet. Das geheime Projekt von James Cameron. Er hatte das Drehbuch angeblich schon lange in seiner Schublade liegen und trotzdem 14 Jahre gewartet, um es auch technisch einwandfrei umsetzen zu können. Es wurde geredet, es wurde gerätselt, es wurde gehyped. Doch wenn man nach der Fox-Fanfare für drei Stunden in eine andere Welt eintauchen darf, wird nicht geredet. Nur gestaunt. Und danach innerlich gejubelt, dass man endlichendlichendlich mal wieder einen Film gesehen hat, den man im Kino sehen muss, um ihn als das wahrzunehmen, das er ist: Ein Erlebnis, welches nur auf der Leinwand zelebriert wird. Und welches man unbedingt nochmal erleben möchte. Danke Kino. Danke James Cameron. Jackpot.